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ADELINE SCHEBESCH

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Sex, Kommunikation und Explosion

Das Stück, aus dessen letzten Proben sie gerade kommt, ist ein Stück Dreck - jedenfalls nach bürgerlichen Maßstäben von Anstand und Schamgefühl. Die vier Personen in "Hautnah" führen ständig Ausdrücke im Munde, die der älteren Generation höchstens von den Wänden öffentlicher Toiletten geläufig sind. Oder eben neuerdings aus ihrem Theater, nachdem die Schonzeit unter Holger Berg zu Ende ist.

Drei Tage vor der Nürnberger Premiere von Patrick Marbers gut gebautem, aber skandalträchtigem Sexdrama sitzen wir im "Lorenz". Adeline Schebesch, die eben noch die Fotografin Anna in "Hautnah" war, wirkt völlig unbeschädigt, braucht keine Reinigungsrituale, passt mit ihrem eleganten nadelgestreiften Hosenanzug perfekt in die Umgebung der Banker und deren klingelnder Handys. Wie wird sie - bei aller Professionalität einer erfahrenen Schauspielerin von 38 Jahren - mit dieser obszönen Sprache fertig und mit den üblen Wunden, die sich die Figuren schlagen, wenn sie dem betrogenen Partner in allen Einzelheiten schildern, wie sie es mit dem oder der anderen getrieben haben?

"Als ich das Stück las, dachte ich auch: Au weia, was passiert jetzt mit unseren Abonnenten. Aber es geht ja nicht darum, sie zu schockieren, sondern eine schwere emotionale Situation klarzumachen. Diese Ausdrücke existieren, ich finde sie in der deutschen Sprache grässlich, aber sie werden halt verwendet - nicht nur von Prolos, sondern in allen Schichten." Hat sich die Anna-Darstellerin privat,existenziell betroffen gefühlt von dem hyperrealistischen Beziehungskrieg? "Ja, Marber beschreibt Situationen, die jeder von unserer Generatioschon mal mitgekriegt hat. Und es tut weh, so was wiederzusehen. Aber es entsteht auch Komik, dieses typisch englische Gelächter, dieser meisterhaft bittere und schwarze Humor."

Adeline Schebesch weiß, wovon sie spricht, denn sie hat nicht nur Anglistik studiert, sondern ihr Freund ist Brite. 1994 hat sie den Lehrer, Theaterpädagogen und Schauspieler kennengelernt in einem Nürnberger Cafe ist er ihr über den Weg gelaufen, und von den Hindernissen der Beziehungsanbahnung her hätte es auch ein Einheimischer sein können: "Engländer und Franken haben viel gemein, sie sind reserviert, griesgrämlich; aber wenn es gelingt, mit ihnen Freundschaft zu schließen, sind sie verlässlich und herzlich."

Wieder spricht die Schauspielerin aus ureigener Kenntnis, denn sie ist "ein typisches Erlanger Kind". Der Vater war Ingenieur bei Siemens, die Mutter Apothekerin. Bereits direkt nach dem Abi spielte Adeline Theater, zögerte aber dann noch eine Weile, bis sie den "höllenschweren Beruf" ergriff und nach Wien auf die Schauspielschule ging. Daraus wurden 13 österreichische Jahre, teilweise "durchaus eine sehr wilde Zeit", wie sie eher ernst als schmunzelnd einräumt.

Übers Gostner Hoftheater kam sie ans Nürnberger Schauspiel, Holger Berg holte sie. Jetzt wohnt sie in Herzogenaurach, von wo aus sie in ihrem alten Opel Kadett durch die Staus zu den Vorstellungen rollt. "Freunde haben mir gesagt: Dieses Auto wird dir unterm Hintern wegrosten, aber der Motor lässt dich nicht im Stich - und sie hatten recht." Emotionales Verhältnis zum wackeren Gefährt? "Nein, aber alles, was einen umgibt, muss man pfleglich behandeln, sei es ein Gebrauchsgegenstand oder ein Mensch. Wie man seine Umgebung gestaltet, so wird man selbst."

Das schrammt schon hart an Kants kategorischem Imperativ vorbei, und in der Tat stößt man bei dieser Schauspielerin nicht auf die Klischee-Künstlerin, die aus dem Bauch schöpft und argumentiert. Diese Frau tritt vielmehr auf als redegewandte, philosophisch angehauchte und psychologisch geschulte Intellektuelle - mit einem genauen Bewusstsein für das "richtige Maß", sei es beim Konsum oder im menschlichen Umgang. Sie räumt ein, dass ihre Überlegenheit auf andere oft als kühle Überlegenheit wirkt.

Kann man, wenn man als Persönlichkeit schon soweit ausgereift ist, dennoch etwas für sich selbst mitnehmen aus dem Theaterspielen, gar aus einem seelisch grausamen Stück wie "Hautnah"?, Ja, man kann daraus lernen, wie sehr Menschen dafür verantwortlich sind, wie sie ihr Leben gestalten. Anna, die Frau, die ich darstelle, kann sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden, legt aber die Karten nicht offen auf den Tisch. Irgendwann liegt alles in Scherben, und sie ist selbst daran schuld."

Adeline Schebesch ist eine attraktive Frau. Sie sieht auf der Straße, im Cafe noch besser aus als auf der Bühne. Gut vorstellbar, dass sich unter ihren zartgliedrigen Händen schon Scherbenhaufen aufgetürmt haben - richtig? "Ja, und es tut mir leid, ich bin nicht stolz darauf", sagt sie und schiebt die schlanken Finger mit den zartrosa lackierten Nägeln in die Jackettärmel. "Mit Menschen spielen, ist etwas Gefährliches, es kann sich gegen einen selbst wenden."

So sind wir im "Lorenz", ausgehend von einem vermeintlich unmoralischen Stück, schon wieder bei der Moral gelandet. Den Begriff für Adeline Schebeschs Grundhaltung in Beziehungsfragen finden wir in der englischen Literatur, es sind die "fundamental decencies", der Grund-Anstand, der auch in Liebe und Leidenschaft nicht vergessen werden sollte der aber in Marbers Stück längst der Sexbesessenheit geopfert worden ist.

"Sex ist etwas Wunderbares, wenn er mit Liebe verbunden ist", so lautet Adeline Schebeschs überraschend konservatives Fazit",Sex ist die ultimativste Form menschlicher Kommunikation - wenn man das missbraucht, kann es sein, dass einem das ins Gesicht explodiert."

 
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